Wandlungsphase Wasser (水, Shuǐ)
Hauptaufgaben der Wandlungsphase Wasser im Körper:
- Speichert & schützt Essenz (精Jing).
- Reguliert den Wasserhaushalt.
- Basis für körperliche Stabilität, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit.
Wasser steht für maximale Materialisierung, Passivität, potenzielle Kraft und älteres Alter. Dieser Zustand der Ruhe schöpft seine Kraft aus dem Spannungsfeld von Todes- / Existenz-Angst einerseits und andererseits Anpassungsfähigkeit, Selbstvertrauen, Ausdauer und Willenskraft. Aus dem Kontakt mit dem Unterbewussten, v. a. der dunklen Seite, zieht es seine Kreativität, die sich gerne unbeschränkt ausdrückt.
Durch die Wandlungsphase Wasser erhalten die Dinge ihre materielle Gestalt. Gleichzeitig wird Struktur aufgelöst, um Yang wachsen zu lassen, wodurch regenerierte Beweglichkeit und Frische erzeugt wird.
Die Wandlungsphase Wasser steht nicht umsonst für den Winter, in der sich die Natur zurückzieht und sich regeneriert. Oberflächlich erscheint alles kalt und starr. In den Wurzeln und Samen wird jedoch schon die Kraft für den Neubeginn vorbereitet. Neben dem Tod sind so auch Überlebenswille und Fortpflanzung eng mit der Wasser-Phase verknüpft.
Die Wurzeln und Samen im Menschen sind seine tiefste „Essenz“ (Jing), westlich formuliert unter anderem Eizellen, Sperma und ganz allgemein seine DNA – chinesisch bezeichnet als „vorgeburtliche Essenz“.
Aus dem Wissen, dass jede tiefste Nacht den Tag gebiert, jeder Winter die Lebenskraft des Frühlings hervorbringt und dass üblicherweise morgens nach dem Schlaf ein kraftvoller und dynamischer Start in den Tag gelingt, ist ein optimistischer Blick in die Zukunft gerechtfertigt. Mit dieser Weisheit und diesem Selbstvertrauen kann der Mensch in die Zukunft schreiten, ohne beständig seine Vergangenheit zu umkreisen.
Wasser oszilliert zwischen Ruhe und Regeneration und ist dadurch die stärkste Wandlungsphase. Gesundes Wasser ist damit entscheidend für die Gesundheit der anderen Elemente und die allgemeine Vitalität des Körpers.
Nach dem Prinzip der Chinesischen Philosophie, wonach das Extrem des einen den Funken zu seinem Gegenteil gebiert, bringt diese maximale Materialität und Ruhe den kraftvollen Neubeginn hervor.
Das Wasser findet immer seinen Weg, ist aber nicht „unsterblich“. Chronischer Stress, Schlafmangel oder schlechte Ernährung können Jing erschöpfen und damit das Leben verkürzen.
Vertrauen – Angst – Trauma
Kurzer Exkurs zu Emotionen im Wandlungsphasenzyklus:
„Die Angst der Niere wird zu Wut und sorgt für den Impuls ‚fight‘ or ‚flight‘ (Holz - Aktivierung des Sympathikus), die Wut wird zu Freude, die entspannt und träge macht (Feuer – Parasympathikus), sobald die Spannung oder Gefahr vorüber ist. Die Freude wird zu Nachdenken und hilft, das Geschehene zu verdauen (Erde – Parasympathikus), das Nachdenken wird zur Traurigkeit (Metall), sobald wir den möglichen oder tatsächlichen Verlust realisieren. Die Traurigkeit wird zur Furcht, wenn die Endlichkeit der eigenen Existenz offensichtlich wird (Wasser).“
Wasser symbolisiert das tiefste Innere von uns, körperlich wie auch seelisch. Wasser ist in der TCM dem Seelenanteil Zhi (志) – Wille & Zielstrebigkeit – zugeordnet, also der Kraft, tiefes Vertrauen zu entwickeln und mit Herausforderungen in Einklang zu fließen. Ein starkes Zhi verleiht Durchhaltevermögen, langfristige Ziele zu verfolgen, auch bei Rückschlägen.
Die Wandlungsphase Wasser ist unsere tiefste emotionale Quelle und Stärke, aber damit auch unsere „Achillesferse“.
Schwaches Wasser kann nur schwaches Zhi bilden. Unsicherheit, Mutlosigkeit oder Orientierungslosigkeit greifen um sich. Angst ist die Emotion der Wasser-Phase. In ihrer gesunden Form warnt und schützt sie uns bei Gefahr. Chronische oder übermäßige Angst, wie bei Traumata, lähmt oder überwältigt uns. Auch zu viel Stress, Exzesse, Traumata oder Schicksalsschläge verbrauchen Jing und verkürzen damit das Leben.
Nicht umsonst kennen wir den Satz „Das geht mir an die Nieren“, was mit einer tiefen, fundamentalen bzw. existenziellen Angst verbunden ist. Hier fühlt man sein Leben bedroht oder das Vertrauen in die Welt aufgrund eines bestimmten Ereignisses völlig zerstört.
Typische Sätze für diese Art Angst sind: „Vor Angst in die Hose gemacht!“, „Vor Angst gelähmt“, „Schreck ist durch Mark und Bein gefahren“, „Das geht mir an die Nieren“.
Beim Wasser-Thema „verliert man den Boden unter den Füßen“.
Die Wasserpersönlichkeit und ihre Konstitution
Ganz allgemein werden der Wasserpersönlichkeit zugeschrieben:
Konstitution:
- Kräftig, groß, breitschultrig, kräftiges Kinn.
Emotional:
- Viel persönliche Kraft, ein starkes Ich, willensstark, wach, wahrheitsliebend, eher analytisch, unabhängig von wechselhaften Entwicklungen ihrer Umwelt.
- Sie erfassen leicht jede Situation und bewegen sich darin mit großer Geschmeidigkeit.
Den eigenen klaren Prinzipien folgend üben die Wasser-Person furchtlos und konstruktiv Kritik an den bestehenden Zuständen, ohne auf eventuelle gesellschaftliche Nachteile zu achten. Wassertypen besitzen kreative Visionen und tragen Konsequenzen zu deren Verwirklichung. Meist brauchen Wasserpersönlichkeiten eine private Sphäre, die jederzeit Möglichkeit zu Rückzug und Meditation bietet.
Stichworte – Yang-Typ (Stärken):
- Enorme Kraft („Tsunami“); sanft, freudig, klug, ehrlich.
- Organisator, Satiriker, Kulturrevolutionär; Künstler (Musik, Literatur, Schauspiel), Philosoph, Wissenschaftler, Sportler, Arzt, Heiler, Alchemist. (Zur besseren Lesbarkeit wurde auf „*in“ verzichtet – bitte selber dazudenken.)
Stichworte – Yin-Typ (Stärken):
- „Nährender Nebel“; scharfsinnig, kreativ, unkonventionell, weise, flexibel, optimistisch und ehrenhaft.
- Großes Herz + starker Willen; Qualitätskontrolle.
Verhalten beider Typen:
- Ruhig, langsam, stoisch, wenig in Bewegung.
- Durch ihre ruhige, gelassene Art erholen sie sich gut bei Überanstrengungen, sind sehr regenerationsfähig.
- Wenn sie überfordert sind, werden sie schwächer bis hin zur Steifigkeit bzw. Starre. Dann sitzen sie Situationen gerne aus.
Dieses Phänomen des Wassers, das im Angesicht der Überforderung zur unbeweglichen Starre neigt, ist anschaulich vergleichbar mit dem Gefrieren zu Eis.
Zeichen bei Wasser-Schwäche:
Körperlich:
- Dunkle Schatten unter den Augen und stöhnende Stimme, gepaart mit Hoffnungslosigkeit und gedrückter Stimmung.
- Ergrautes Kopfhaar, Rückenschmerzen, kalte Gliedmaßen, Energiemangel, Schwerhörigkeit, Tinnitus, Gedächtnisverlust, Unfruchtbarkeit, sexuelle Probleme und angeborene Erbkrankheiten.
- Auch die unkontrollierte maximale Materialisierung kann zu Steifigkeit bzw. Starre führen. Das kann sich als Nierensteine und steife Gelenke bzw. ihrem Gegenteil wie Osteoporose und Zahnprobleme zeigen. (Manchmal treten einzelne Symptome auch in anderen Wandlungsphasen auf, dort aber auf einem anderen Hintergrund.)
Emotional, beide Typen:
- Selbstgewählte Isolation und starre Denkweisen.
- Selbstbewusstsein und Zuversicht werden durch Misstrauen und Pessimismus ersetzt.
Stichworte – Yang-Typ (Pathologie):
- Unsicherheit, Instabilität; „Paragraphenreiter“, schnell gewalttätig oder respektlos.
Stichworte – Yin-Typ (Pathologie):
- Kritik- und / oder Streitsucht, dabei unangenehm und beleidigend; töricht, egoistisch, starke Ängste in sich und nach außen arrogant.
Niere und Blase – Die Funktionsträger
„Niere“ – das Yin-Organ des Wassers
Der ganze Wandlungsphasen-Zyklus entwickelt sich aus dem Wasser. Deshalb ist „die Niere“ ein ganz außergewöhnliches Organ. Sie ist eigentlich ein Yin-Yang-System für sich. Die beiden „bohnenförmigen“ Organe scheinen sich zu einem Tai-Qi-Symbol zu ergänzen.
- Ihr Yin-Anteil, die „linke Niere" ist das Fundament des Lebens. Sie ist die „Sparkasse“ für Jing und alles Wertvolle an Erfahrenem und Erlebtem. Chinesisch wird das mit „linke Niere“ bezeichnet.
- Ihr Yang-Anteil, die „rechte Niere“, ist die Zündkerze für das ganze Leben, jeden Tag und jeden Moment, um den Zyklus der Wandlungsphase am Laufen zu halten und ständige körperliche & geistige Entwicklung & Regeneration zu steuern. So stärkt sie gleichzeitig auch Willenskraft und Durchhaltevermögen.
Natürlich sorgen die Nieren auch für die gesamte Regulation und Beförderung des Flüssigkeitshaushaltes. Alle Körperflüssigkeiten, die aus Darm, Milz und Lunge stammen, sammeln sich in den Nieren. „Klare“ Flüssigkeiten (also etwas, was der Körper noch benützen will) werden wieder in den Körperkreislauf eingespeist. Das „Trübe“ wird über die Blase ausgeschieden.
„Blase“ – das Yang-Organ des Wassers
Die Blase sammelt die „trüben“ Anteile aus der Körperflüssigkeit und scheidet sie aus. Da die Niere bereits so „auftrumpft“ mit ihrem Yang-Teil, scheint die Blase eher ein „Aschenputtel“ zu sein.
Wirklich interessant aber wird es, wenn man sich ihren Leitbahnverlauf ansieht. Die ganze Rückseite, vom Kopf bis zum kleinen Zeh, wird von der Blasenleitbahn versorgt. Damit ist sie zum einen für eine gute Aufrichtung zuständig.
Zum anderen aber schützt und erwärmt sie die ganze Rückseite. Der Körperrückseite wird als Himmelsrichtung der Norden assoziiert, also auch Kälte. Die Blasenleitbahn ist also unser wärmender Schutzschild gegen in den Körper eindringende Kälte. Nach chinesischer Vorstellung fängt die Blasenleitbahn (in diesem Zusammenhang Tai Yang – das große Yang – genannt) eindringende Kälte-Pathogene ab und leitet diese im günstigen Fall ab. Im ungünstigen Fall ist das Pathogen übermächtig und überwindet diesen ersten Schutzwall.
Praktische Anwendung & Selbstfürsorge (YangShen)
Ernährung für den Wasser-Typ
Lebensmittel des Wasser-Elements haben oft einen salzigen Geschmack und unterstützen die Nierenkraft sowie den Aufbau von Substanz und Widerstandskraft.
Empfehlungen:
- Salzige Lebensmittel wie Meeresalgen, Miso und Sojasauce nähren die Nieren und helfen bei der Regulierung des Wasserhaushalts. (Zu viel zugesetztes Salz aber kann die Nieren belasten.)
- Meeresfisch & Meeresfrüchte.
- Hülsenfrüchte wie schwarze Bohnen, schwarze Sojabohnen, Azukibohnen und Kidneybohnen werden wegen ihrer häufigen Nierenform und ihrer positiven Wirkung auf die Nieren ebenfalls dem Wasser-Element zugeordnet. Vor allem aber auch Linsen und andere Bohnen stärken die Nieren.
- Nüsse: Walnüsse (sieht aus wie Gehirn), Sesam (wie kleine Samen).
- Wurzelgemüse unterstützt mit seinen Mineralien die körpereigene Substanz und ist im Winter die ideale Basis für die Mahlzeiten.
- Traditionell stärkend: Maronen (Esskastanien) sind ein ideales Stärkungsmittel für den Winter, da sie die Nieren, die Milz und den Magen kräftigen.
- Kälte meiden: Den Konsum von thermisch kühlenden Lebensmitteln reduzieren. Das sind z. B. Rohkost, Salate, Zitrusfrüchte, Bananen sowie Milchprodukte. Sie wirken, auch warm genossen, auf den Körper kühlend.
- Wärmende Speisen: Da die Blase sich mit eindringendem Kälte-Pathogen auseinandersetzen muss, ist es nur logisch, nicht noch Kälte über die Nahrung hinzuzufügen. Also Rohkost und kalte Speisen durch lang gekochte Gerichte wie kräftige Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte ersetzen. Vor allem eine kräftige, lang gekochte Hühnersuppe nährt Qi und Blut und stärkt die Abwehrkräfte. Ein warmes Frühstück, z. B. ein gekochter Getreidebrei (Porridge, Congee), ist der perfekte Start in einen kalten Tag.
- Wärmende Getränke: Kräutertees oder heißes Wasser: Acht- bis zehnmal täglich unabhängig von den Mahlzeiten jeweils 200 ml trinken.
- Gewürze: Vor allem das, was wir als Weihnachtsgewürze bezeichnen: Zimt, Nelken, Kardamom, Anis, Sternanis, getrockneter (!) Ingwer, Muskatnuss, Macis, Pfeffer; aber auch Oregano, Thymian, Majoran und Rosmarin. Sie unterstützen nicht nur den Stoffwechsel, sondern wärmen den Körper von innen und heben die Laune.
Selbst-TuiNa
Kurz eine Geschichte dazu: Im November 2008 war ich Hospitant im Hospital No. 6 im Dong Zhi Men Bezirk Peking. Meine zuständige Ausbildungsärztin gab mir für die ersten drei Tage als Aufgabe, bei den Patient*innen, die ihre Therapie bekommen hatten, noch die Ohr-Ränder in einer speziellen Weise mit Moxa zu bearbeiten. Dabei mussten die Ohrränder am Schluss schön warm und durchblutet sein. Ihr Credo war, dass dies das allgemeine Yang anregt und vor allem das Wei-Qi (Abwehrkräfte) mobilisieren würde, als Prophylaxe gegen Erkrankungen durch die Kälte, die zu der Zeit bereits weit unter Null Grad am Tag war.
Zur täglichen Selbstanwendung zu Hause habe ich das modifiziert:
1. Ohrenrand von Ohrläppchen beginnend bis Ohrspitze und zurück mit Daumen und Zeigefinger kneten.
2. Zeige-, Mittel- und Ringfinger (erste Fingerglieder) als Widerstand und mit Daumen vom Ohrloch zum Rand ausstreichen, von Ohrläppchen beginnend bis Ohrspitze und zurück.
3. Ohrenrand von Ohrläppchen beginnend bis Ohrspitze und zurück mit Mittelfinger anschnipsen.
Ideal für zwischendurch oder als wärmendes Morgenritual.
Ansteigendes Fußbad
Der Energiefluss des Nierenmeridians beginnt am Punkt Niere 1 (Ni 1), jeweils in der Mitte der Fußballen. Bei Erschöpfungszuständen kann er durch ein heißes Fußbad gefördert werden.
Durchführung:
1. Lauwarmes Wasser zusammen mit Pulver getrockneten Ingwers in eine geeignete Schüssel geben. Füße rein.
2. Nach und nach heißes Wasser hinzufügen, so dass die Temperatur binnen 20 Minuten auf maximal 40°C ansteigt. (Es soll immer angenehm sein!)
3. Dauer: nicht länger als 20 Minuten.
4. Abschluss: Füße mit einem härteren Tuch abtrocknen. Dicke Socken anziehen und abends ab ins Bett oder tags 20 Minuten ruhen.
Für das Wasser günstiger Sport:
Alle Sportarten, bei denen die Muskeln tonisiert und gedehnt werden, stärken das Wasserelement. Der Einsatz von Gewichten kann beispielsweise beim Joggen, Gehen oder Radfahren den Effekt verstärken.
Fazit und Impulse
TCM-Tipps für die Nieren:
Der Winter ist Deine Chance zur Stärkung. Es ist die Zeit, um sich zu regenerieren und Kraft für den Frühling zu schöpfen.
Der Winter ist keine einfache Zeit – aber eine unglaublich kraftvolle. Wenn Du lernst, Dich dem natürlichen Rhythmus hinzugeben und Dich an die Prinzipien der TCM anlehnst, kannst Du gestärkt aus dem Winter tief regeneriert in das neue Jahr gehen. Nicht umsonst heißt diese Zeit im Bairischen auch „stade Zeit“.
Ruhe, Meditation und eine ausgewogene Ernährung können die Balance wiederherstellen zu unserem oftmals hastigen und verstörenden Leben. Wenn wir also diese Rückzugszeiten zum Auftanken nutzen, werden wir in Phasen der Aktivität erfahren, dass wir voll in unserer Kraft stehen. In anderen Worten: Ist das Wasser-Element im Gleichgewicht, wirkt sich dies stabilisierend auf unser ganzes Leben aus.
Nähre Deinen Körper mit Wärme, Struktur und Achtsamkeit und Du erlebst diesen Wandel der Jahreszeiten als Geschenk.
Konkrete Impulse:
Nimm Dir täglich, immer etwa zur gleichen Tageszeit, bewusst ein paar Minuten Zeit und frage Dich:
• Was möchte ich in meinem Leben?
• Wo brauche ich mehr „Fundament“ und wie kann ich dies verwirklichen?
• Passt meine Verbindung zu Mir selbst, so wie sie ist?
Da Sie jetzt über die Wandlungsphasen Bescheid wissen, haben Sie jetzt das Rüstzeug, sich mit dem oft mystifizierten Qi auseinander zu setzen.











